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Chefvolkswirtkommentar | 27.10.2017

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


Frankfurt größer denken: BIG FFM

Die Brexit-Verhandlungen verlaufen sehr schleppend. Die britische Regierung hat mehr als ein halbes Jahr nach dem Antrag für den EU-Austritt offensichtlich immer noch kein Konzept. Innerhalb Großbritanniens bröckelt die Unterstützung für dieses gewagte Projekt. Dies scheint auch die Regierungschefin Theresa May wahrzunehmen. So hat sie vor kurzem in ihrer Rede in Florenz für eine zweijährige Übergangsphase nach dem avisierten Austrittstermin im März 2019 geworben. Mittlerweile ist nicht mehr auszuschließen, dass es doch noch einen Exit vom Brexit geben könnte. Diesem Szenario messen wir jedoch nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit bei. Die Londoner Finanzinstitute können sich somit nicht darauf verlassen, dass letztendlich alles so bleibt wie es ist.

All diejenigen Banken, die derzeit ihre europäischen Geschäfte mittels des EU-Passes aus London heraus betreiben, müssen sich einen neuen Standort suchen. Um eine entsprechende Zulassung in einem anderen Mitgliedsland zu erhalten, ist eine Zeitspanne von rund einem halben Jahr einzukalkulieren. Je nach bisher bestehender Niederlassungsform in einem EU-Mitgliedsland muss zuvor allerdings erst einmal eine Banklizenz beantragt und von der jeweiligen Aufsichtsbehörde genehmigt werden. Dies kann hierzulande bis zu einem Jahr dauern. Innerhalb dieser insgesamt bis zu eineinhalb Jahre dauernden Phase ist der Aufbau neuer Büros mit qualifiziertem Personal zu bewerkstelligen. Die Zeit drängt also.

Bislang haben bereits 15 Banken den Finanzplatz Frankfurt als ihren Favoriten genannt. Entsprechend wird es zu Jobverlagerungen von der Themse an den Main kommen. Um die beiden Städte besser miteinander vergleichen zu können, haben wir für Frankfurt ein neues regionales Beschäftigungsaggregat geschaffen: BIG FFM. Hierzu haben wir die räumliche Abgrenzung von Greater London auf das Gebiet rund um Frankfurt übertragen und mittels Daten auf Gemeindeebene die Finanzbeschäftigung berechnet. Somit erstreckt sich die regionale Finanzbeschäftigung von Bad Homburg bis Darmstadt bzw. von Wiesbaden/Mainz bis Hanau. Demnach arbeiten in BIG FFM rund 118.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Sektor Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, gegenüber 360.000 in Greater London.

Wir gehen davon aus, dass mindestens 8.000 Brexit-Banker in den nächsten Jahren nach Frankfurt kommen werden. Im Gegensatz zu den ausreichend verfügbaren Büroflächen gibt es am Frankfurter Wohnungsmarkt derzeit keinen nennenswerten Leerstand. Die bereits steigende Nachfrage wird also durch die „Brexit-Flüchtlinge“ noch verstärkt werden. Deshalb sollte mit Blick auf die Versorgung mit Wohnraum unterschiedlicher Qualität nicht nur die Metropole, sondern auch ihr Umland betrachtet werden. Die durchschnittliche Zahl der Wohnungsfertigstellungen in den letzten drei Jahren bezogen auf die Einwohnerzahl zeigt, dass Frankfurt innerhalb der Finanzplatzregion mit Abstand den größten Beitrag zur besseren Wohnraumversorgung geleistet hat. Während Frankfurt zuletzt auf etwa 6 Fertigstellungen pro 1.000 Einwohner kam, liegt der Vergleichswert in den meisten Nachbarkreisen nur bei 2 bis 3 (eine positive Ausnahme ist die nahegelegene Stadt Offenbach mit 4). Die Flächenreserven gehen hier weit über die Möglichkeiten Frankfurts mit seinen engen Stadtgrenzen hinaus. Dabei darf bei einer verstärkten Bautätigkeit im Umland natürlich der entsprechende Ausbau der (Verkehrs-)Infrastruktur nicht vergessen werden, um die Pendlerzeiten weiterhin überschaubar zu halten.