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Chefvolkswirtkommentar | 30.10.2018

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


„Es grünt so grün …“

Wer kennt nicht diesen Ohrwurm aus „My Fair Lady“, mit dessen Hilfe Professor Higgins das einfache Blumenmädchen Eliza Doolittle zu einer Dame der feinen englischen Gesellschaft dressieren will? Man kann ihn aber nicht nur im Theater hören. Auch an den Finanzmärkten macht er die Runde. Dort geht es jedoch nicht um Sprechübungen, sondern um sogenannte Green Bonds, also Schuldverschreibungen, deren Erlöse in nachhaltige und klimafreundliche Projekte fließen. Der neuartige Anleihetyp hat es in den letzten zehn Jahren auch in Europa zu einer gewissen Blüte gebracht. Zwar trug 2017 nur rund 1 % der frisch aufgelegten Bonds ein grünes Siegel; allein zwischen 2014 und 2017 legte das Neuemissionsvolumen allerdings um mehr als 50 % p.a. zu. Auch für die Zukunft ist eine hohe Dynamik zu erwarten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Immer mehr Menschen wollen auch bei ihrer Geldanlage gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Auf der Suche nach geeigneten Anlagefeldern werden sie beim Mega-Thema Klimawandel fündig. So schätzt die OECD, dass in den nächsten Jahren gigantische 100 Bio. US-Dollar in die globale Infrastruktur investiert werden müssen, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Bei der Mobilisierung solcher Summen sind nachhaltig anlegende Geldgeber ein wichtiger Faktor. Neben der Umwelt profitieren von dieser Entwicklung nicht zuletzt kapitalsuchende Unternehmen, die sich mit grünen Finanzinstrumenten günstige Konditionen sichern, die Investorenbasis erweitern und ihr Bekenntnis zu umweltfreundlichem Wirtschaften öffentlichkeitswirksam dokumentieren können.

Nutznießer kann auch der heimische Finanzplatz sein. Längst ist der Kampf von Banken, Beratern und Handelsplätzen um Anteile an diesem Wachstumsmarkt entbrannt. Insbesondere französische Adressen haben sich hier zuletzt hervorgetan. Immerhin floss in den letzten fünf Jahren nach Berechnungen von Bloomberg rund ein Viertel der von europäischen Unternehmen eingeworbenen grünen Gelder in unser westliches Nachbarland. Französische Banken zählen zu den gefragtesten Emissionshäusern in diesem Segment. Hierzulande tut sich ebenfalls einiges. Ende letzten Jahres hat das vom Hessischen Wirtschaftsministerium ins Leben gerufene Green Finance Cluster seine Arbeit aufgenommen und sich mittlerweile mit dem Accelerating Sustainable Finance-Projekt der Deutschen Börse zusammengeschlossen. Im Sommer erschien ein erster Bericht, der die vielfältigen Nachhaltigkeitsinitiativen am deutschen Finanzplatz zusammenfasst und künftige Arbeitsfelder definiert. Aber es werden nicht nur akademische, sondern auch kommerzielle Fakten geschaffen. So gehört die KfW seit langem zu den gern gesehenen Daueremittenten von Green Bonds und auch am Schuldschein- und Pfandbriefmarkt – beides ureigene deutsche Domänen – sind immer häufiger grüne Emissionen zu beobachten. Selbst Kommunen interessieren sich in letzter Zeit für die neue Fremdkapitalspielart.

Um auch künftig vom Wachstum des Marktes zu profitieren, sind von allen Finanzmarktakteuren Kreativität und Innovationskraft gefragt. Daneben könnte ein wenig politische Unterstützung nicht schaden. Die vielfältigen umweltpolitischen Investitionsvorhaben von Bund und Ländern rechtfertigen durchaus die Emission einer ersten grünen Bundes- oder Länderanleihe. Dies würde die international führende Rolle Deutschlands in Sachen Klimaschutz unterstreichen und dem hiesigen Finanzplatz Rückenwind geben. Klingt gut? „Ich glaub‘, jetzt hat sie’s!“, würde Professor Higgins sagen.