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Chefvolkswirtkommentar | 31.08.2018

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


Digitalisierung als Jobwunder

Der deutsche Arbeitsmarkt eilt von einem Rekord zum nächsten. In vielen Regionen herrscht Vollbeschäftigung. Für manche Unternehmen ist der Fachkräftemangel das größte Wachstumshemmnis, für andere sogar schon ein Geschäftsrisiko. Bei Tarifverhandlungen sitzen die Arbeitnehmer am längeren Hebel und die Abschlüsse fallen entsprechend höher aus. Nichtsdestotrotz grassiert die Angst vor der Digitalisierung. Untergangspropheten sehen eine Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Robotisierung und künstliche Intelligenz. Der Konsum bräche dann ein und die ganze Wirtschaft würde ins Schlingern geraten. Haben die Pessimisten Recht oder sprechen die Fakten eine andere Sprache?

Zahlreiche Studien verweisen auf das sogenannte Substituierbarkeitspotential durch die Digitalisierung. In extremen Szenarien für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre fallen 42 % der Arbeitsplätze in Deutschland der Digitalisierung zum Opfer. Andere Prognosen differenzieren stärker nach den jeweiligen Tätigkeiten innerhalb der Berufsgruppen. Dabei fällt die Bedrohung weniger ausgeprägt aus und „nur“ etwa 15 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weisen ein hohes Substituierbarkeitspotenzial auf, d.h. bei ihnen könnten künftig 70 % und mehr ihrer Tätigkeiten durch Computer oder computergesteuerte Maschinen erledigt werden.

Die Modellrechnungen kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass Bundesländer mit einem vergleichsweise hohen Industrieanteil stärker betroffen sind: Thüringen, Bayern, das Saarland und Baden-Württemberg. Dies überrascht nicht, denn gerade dort werden bereits jetzt intensiv Maschinen eingesetzt. Hessen liegt gemessen am Industrieanteil etwa im Mittelfeld. Hier müssten 13 % der Arbeitnehmer digitalisierungsbedingt um ihre Stellen bangen.

Diese Schätzungen können schon Angst machen. Aber erzählen sie die ganze Geschichte? Einerseits schränken die meisten Autoren ihre Hochrechnungen selbst ein. So fließt nur das technisch Machbare ein. Kostengesichtspunkte sowie rechtliche und ethische Aspekte werden nicht berücksichtigt. Darüber hinaus werden positive Beschäftigungseffekte überhaupt nicht beachtet. Jobs, die es jetzt noch nicht gibt, kann man sich schlecht vorstellen.

Allein der Blick in die letzten zehn Jahre macht aber Hoffnung. Die gute Beschäftigungsentwicklung in dieser Zeit mag auch durch Arbeitsmarktreformen, die boomende Weltkonjunktur und die starke Binnennachfrage begünstigt worden sein. Der Blick in die einzelnen Branchen lehrt uns aber vielmehr, dass der strukturelle Wandel hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft ein wesentlicher Treiber war. Die Beschäftigung in den Dienstleistungsbereichen ist in Deutschland seit 2008 um 21 % angestiegen, während es insgesamt „nur“ 16 % waren. Allerdings muss auch hier noch einmal differenziert werden. Nicht alle Dienstleistungsbranchen bauten seit der Finanzkrise Arbeitsplätze auf, und nicht alle Branchen des produzierenden Gewerbes zeigten eine verhaltene Dynamik. Outperformer im Produzierenden Gewerbe war vor allem der Bausektor. Im Dienstleistungsbereich fiel die Dynamik bei „Information/Kommunikation“ besonders stark aus. Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die Bereiche Erziehung und wissenschaftlich-technische Dienstleistungen.

Für jeden offensichtlich ist die hohe Dynamik im Bausektor. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Städten. Der Bedarf an Wohnungen ist aufgrund der steigenden Bevölkerung und seit Jahren zu geringer Neubautätigkeit gigantisch. Niedrige Zinsen und eine gute Beschäftigung tun das Übrige. Im Bundesdurchschnitt stieg die Zahl der Beschäftigten in der Bauwirtschaft seit 2008 um 15 %, in Frankfurt beispielsweise waren es sogar 25 %. Dieser Anstieg macht deutlich, dass in einer Zeit, in der alle von einem Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen und Automatisierung sprechen, auch sehr handfeste Branchen des Produzierenden Gewerbes als Wachstums- bzw. Jobmotor dienen können.

Beim Sektor „Information/Kommunikation“ kommt hingegen die Hinwendung zu Dienstleistungen voll zum Tragen. Entgegen der Untergangsprophezeiungen führt hier die Digitalisierung zu mehr Jobs. In den letzten zehn Jahren hat kein anderer Sektor eine solch hohe Jobdynamik aufweisen können. In Deutschland insgesamt kam es seit 2008 zu einem Anstieg um 24 %. Noch dynamischer war die Entwicklung in der Bankenmetropole Frankfurt mit einem Anstieg um 33 %.

Der Bankensektor hingegen gehört zu den Dienstleistungssektoren, die strukturell eher zu den Verlierern gehören. Die Ertragslage wird von den niedrigen Zinsen sowie den hohen Kosten infolge verschärfter Regulierungs- und Aufsichtsanforderungen belastet. Darüber hinaus führen veränderte Präferenzen der Bevölkerung zu einem Wandel in der Nachfrage nach Bankdienstleistungen. Manche Produkte werden entweder gar nicht mehr nachgefragt, andere von FinTechs angeboten. Um weiter mithalten zu können, müssen die Banken ebenfalls auf die Digitalisierung setzen.

Der Konsolidierungsprozess im Bankensektor führt schon seit Jahren zu einem erheblichen Rückgang der Anzahl der Banken. Mit Blick auf die Beschäftigten ist der Effekt aber eher verhalten. Im Bundesgebiet sind in den letzten zehn Jahren 2 % der Jobs verloren gegangen, in Frankfurt kam es sogar zu einem Aufbau um 2 %. Dies mag insbesondere mit den hohen Regulierungs- und Aufsichtsanforderungen zusammenhängen – aber auch mit dem Bedarf an Digitalisierung.

Strukturwandel gibt es schon immer. Die Digitalisierung ist eine besondere Ausprägung davon. Die Welt ändert sich dadurch – zweifelsohne. Es wird Gewinner und Verlierer geben. In der Summe widerlegen aber die seit einigen Jahren zu beobachtenden Daten die Prognosen der Untergangspropheten. Aggregiert ist die Digitalisierung kein Jobkiller, sondern scheint vielmehr ein Jobwunder zu schaffen. Dies war übrigens bei jeder technologischen Revolution in der Geschichte der Fall.