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Chefvolkswirtkommentar | 05.01.2017

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


DAX knackt 2017 historische Höchststände

Vor einem Jahr hatte ich meine Jahresauftaktkolumne mit dem an das Lied von Reinhard Mey anlehnenden Titel „Ich denk‘, es wird ein gutes Jahr“ überschrieben. Manches hat uns negativ überrascht, wie die Abstimmung der Briten für den Brexit. Auch gehörte der Wahlsieg Donald Trumps nicht in unser Basisszenario. Doch wirtschaftlich betrachtet ist das Jahr 2016 positiv zu beurteilen.  

Die Wachstumsängste zu Anfang des Jahres 2016 verflüchtigten sich mit dem Anstieg des Rohölpreises. Die rohstoffexportierenden Schwellenländer begannen sich zu stabilisieren und auch die vor einem Jahr vorherrschende Angst vor einem China-Crash verschwand. Die Weltwirtschaft wird schätzungsweise ein Wachstum von knapp 3 % erreicht haben, etwas weniger als im Jahr zuvor, aber deutlich entfernt von Rezessionsszenarien. Während wir die Dynamik in den USA überschätzt hatten, wuchs die Eurozone mit voraussichtlich 1,6 % im Rahmen unserer Erwartungen und damit über Potenzial, was sich auch an dem Rückgang der Arbeitslosenzahlen ablesen lässt.  

Der Anstieg der Rohstoffpreise spielte auch an den Kapitalmärkten eine wesentliche Rolle. Die Aktienmärkte Brasiliens und Russlands gehörten entsprechend im abgelaufenen Jahr mit einem Anstieg gemessen in Euro von über 70 bzw. 50 % zu den Outperformern. 2016 war das Jahr für Rohstoffe bzw. Aktien aus Ländern mit einem starken Rohstoffanteil.  

Unter den Industrieländern konnte sich der Aktienmarkt in den USA mit einem Anstieg von fast 20 % ebenfalls gut positionieren, obwohl die wirtschaftliche Entwicklung mit 1,6 % enttäuschte. Allerdings zögerte die US-Notenbank mit Zinserhöhungen, so dass die geringere Wachstumsdynamik teilweise durch eine weiterhin extrem expansive Geldpolitik kompensiert wurde, wovon der Aktienmarkt entsprechend profitierte.  

Der deutsche Aktienmarkt konnte aufgrund seines Schlussspurts immerhin einen Anstieg von fast sieben Prozent vorlegen. Auch die deutsche Wirtschaft wuchs voraussichtlich mit 1,8 % ein weiteres Mal über dem Potenzial, so dass der Beschäftigungsanstieg ins 7. Jahr ging.  

So lässt sich zumindest aus wirtschaftlicher Sicht das Jahr 2016 mit dem Original von Reinhard Mey zusammenfassen: „Ich denk´, es war ein gutes Jahr“.  

Aber wie wird 2017?  

Sowohl die geopolitischen als auch die politischen Risiken sind weiterhin hoch. Nichtsdestotrotz haben wir für 2017 unser Risikoszenario mit einer etwas geringeren Wahrscheinlichkeit als im Vorjahr belegt. Unser Basisszenario hat nunmehr mit 75 % eine noch höhere Wahrscheinlichkeit als im Vorjahr (70 %). Unserem Negativszenario messen wir nur eine Wahrscheinlichkeit von 15 % (nach 20 %) bei.  

Warum sind wir so optimistisch, wenn doch angeblich überall so viele Gefahren lauern? Die Vorlaufindikatoren zeigen sowohl für die Industrie- als auch die Schwellenländer nach oben. Ein auf 50 bis 60 Dollar pro Fass gestiegener Ölpreis verhilft den Schwellenländern wieder zu einem positiven Einnahmeeffekt, ist gleichzeitig aber noch niedrig genug, um die Abnehmerländer nicht massiv zu belasten. Entsprechend bleibt der Konsum als Treiber in den Industrienationen erhalten, auch wenn die Inflationsraten in diesem Jahr deutlich höher ausfallen als im Vorjahr.  

Die Wahl von Donald Trump als US-Präsident scheint kein so großer Belastungsfaktor zu sein, wie von vielen noch im Wahlkampf erwartet. Ganz im Gegenteil gehen zahlreiche Marktteilnehmer nunmehr davon aus, dass eine Politik „à la Ronald Reagan“ die USA zu Wachstumsraten aus den 80er Jahren zurückführen wird. Hier sind wir etwas verhaltener als andere. Derzeit ist nämlich noch nicht absehbar, welche Form von Fiskal- bzw. Investitionsprogrammen der designierte Präsident einleiten wird. Zum jetzigen Zeitpunkt ist lediglich klar, dass mit Trump konjunkturelle Unsicherheiten verbunden sind. Entsprechend wird sich auch die Fed bei ihrem weiteren geldpolitischen Kurs nur sehr vorsichtig bewegen. Obwohl in der Sitzung im Dezember mit der Anhebung des Leitzinses auch die Projektionen der Fed höher ausfielen, ist es noch keine ausgemachte Sache, dass dies wirklich so kommt. Denn erstens hat die Fed-Chefin die Projektionsverschiebung bereits auf der Pressekonferenz relativiert. Und zweitens hat sich die Fed in der Vergangenheit auch nicht an ihre Projektionen gehalten. So gehen wir weiterhin davon aus, dass 2017 nur ein weiterer Zinsschritt folgt. Die USA werden 2017 mit 2,2 % immerhin ein deutlich höheres Wachstum aufweisen als im Vorjahr.  

In Deutschland bleibt mehr oder weniger alles beim Alten. Der Konsum ist der maßgebliche Wachstumstreiber. Steigende Realeinkommen und eine höhere Beschäftigung tragen dazu bei. Auch der Wohnungsbau wird weiterhin dynamisch wachsen. Immerhin ist der Nachfrageüberhang noch sehr groß. Mit einer Rate von mindestens 1,5 % sollte das Wachstum insgesamt dann zwar nicht mehr ganz so hoch wie 2016 ausfallen (1,8 %), aber immerhin noch leicht über Potenzial liegen.  

Zum Abschluss noch unsere Aktienmarktprognose: Trotz der jüngsten Rally ist hier noch Luft nach oben. Die Gewinnperspektiven der Unternehmen hellen sich auf. Nicht zuletzt aufgrund der weiterhin sehr lockeren Geldpolitik der EZB übersteigt der Bedarf an renditetragenden Anlageformen augenscheinlich ohnehin schon das Angebot. Angesichts weiterhin extrem günstiger Finanzierungsbedingungen dürften Unternehmen auf das in diesem Zyklus hierzulande bislang nur verhalten eingesetzte Instrument der Aktienrückkäufe zurückgreifen. Unter realistischen Annahmen lässt sich somit für den DAX ein Potenzial bis 12.500 Indexpunkte ausmachen und damit ein Allzeithoch erreichen. Zum Jahresende erwarten wir den DAX bei 12.000 Indexpunkten. Aber es bleibt zu beachten: Auch 2017 gibt es Risiken, die die Volatilität gerade im Umfeld politischer Ereignisse hoch halten wird. So sehen wir den unteren Rand des DAX-Korridors bei 9.500 Indexpunkten. Taktisches Agieren ist also auch 2017 gefragt.  

Allerdings gibt es nicht nur Risiken. So könnte es auch sein, dass die Marktteilnehmer 2017 positiv überrascht werden. Diesem positiven Überraschungsszenario messen wir immerhin eine Wahrscheinlichkeit von 10 % bei. Dabei nimmt das globale Wachstum kontinuierlich Fahrt auf. Aufgeführt von einem kräftigen Investitionsimpuls läuft die Wirtschaft rund. Ein selbsttragender Aufschwung durch Industrie 4.0, Digitalisierung bei Dienstleistungen sowie die Weiterentwicklung und Verbreitung neuer Technologien setzt ein. Protektionistische Tendenzen ebben ab und der Welthandel nimmt wieder deutlich zu. Deutschland kann vom Investitionsaufschwung und dem stärkeren Welthandel überproportional profitieren. In diesem Szenario sehen wir den DAX immerhin bis auf 14.000 Punkte steigen. 

Auch 2017 gibt es Risiken. Allerdings sind die Chancen sehr hoch, dass das laufende Jahr wieder ein gutes Jahr wird.