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Chefvolkswirtkommentar | 21.02.2017

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


Hier spielt die Musik

Als Teenager der siebziger und achtziger Jahre besitze ich eine Schallplattensammlung, und als ich sie mal wieder durchschaute, stieß ich auf den Titel „Frankfurt“ der Pop-Grand-Dame Ulla Meinecke. Sie hatte der Stadt 1980 ein liebevolles Lied gewidmet: „Hier scheuert’s Leben am Beton... da kocht’s, da brodelt’s, da steppt der Nightlife-Bär.“ 

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Künstlern und Festivals aller Musikrichtungen, die es in die Rhein-Main-Region zieht. Das ausgerechnet aus London stammende „Wireless Festival“ hat sich nun Frankfurt als erstmaligen Veranstaltungsort auf dem Kontinent ausgesucht. Es konnte bereits Pop-Prominenz wie Justin Bieber und The Weekend gewinnen, so dass das Line-up hier schon weiter fortgeschritten ist als auf der Insel. 

Damit dies auch im Banken- und Börsenwesen gelingt, ist es wichtig, nicht neidisch auf die Wettbewerber zu schielen, sondern Interessenten von den Vorzügen des Standorts Frankfurt zu überzeugen – davon gibt es mehr als genug. 

Bald zum Beispiel wird geklärt, ob und wann die Fusion der Deutschen Börse AG mit der London Stock Exchange zustande kommt. Die Aktionäre versprechen sich, trotz Brexit-Votum der Briten, höhere Erträge durch mehr Effizienz und geringere Kosten, insbesondere bei der Nutzung und Entwicklung der elektronischen Handelsplattformen und Abwicklungssysteme.

Als Sitz der Holding wurde London festgelegt. Dies war aus britischer Sicht nicht verhandelbar und wurde von den Anteilseignern beider Seiten mehrheitlich akzeptiert. Wen dies verwundert, der muss sich zum einen die Aktionärsstruktur der Deutschen Börse AG anschauen: Nur 15 Prozent werden Deutschland zugeordnet, während zusammen 59 Prozent aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten sind. Zum anderen mag aus Londoner Perspektive der Arbeitsplatz Eschborn nicht attraktiv erscheinen – zeigt doch die hiesige Börse kaum noch Präsenz in der Frankfurter City, wohingegen die LSE unweit der St. Paul’s Cathedral residiert. 

Die Unterstützung der Aktionäre reicht aber nicht für die Fusion, da hier auch wettbewerbspolitische Aspekte beachtet werden müssen. Somit ist die EU-Kommission am Zug. Das entscheidende Machtwort hat jedoch die hessische Börsenaufsicht, die dem hiesigen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir untersteht. Vor dem Sommer erwarten wir keine Entscheidung. Unserer Einschätzung nach wäre aber die Fusion mit Hauptsitz in London ein enormer Verlust für den Finanzplatz Frankfurt. 

Die Börsenfusion beschäftigt hier auch andere Institutionen. So hat die EZB verlauten lassen, dass der Austritt Großbritanniens aus der EU den Wirkungsgrad der EZB-Aufsicht mit Blick auf das Abwicklungsgeschäft beeinträchtigen könnte. Dieses Clearing ist ein wesentliches Geschäft der Börsen. 

Eine weitere wichtige Entscheidung wird für Frankfurt sein, ob beim Brexit der sogenannte EU-Pass für die Banken in Großbritannien erhalten bleibt. Falls nicht, müssen sich Banken, die in der Union Geschäfte machen wollen, dort einen Standort suchen. Voller Selbstvertrauen rechnet etwa Paris damit, London rund 20.000 Banker „stehlen“ zu können. Auch für Frankfurt wir sehen ein erhebliches Potential. Unsere vorsichtige Schätzung beläuft sich auf 8.000 Personen. Es könnten aber leicht mehr werden – wenn es gelingt, die Vorzüge Frankfurts adäquat herauszustellen.