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Chefvolkswirtkommentar | 23.06.2017

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


Trump versteht die Statistik nicht

Auf dem internationalen Parkett scheint es zum Volkssport zu werden, sich über den deutschen Handelsbilanzüberschuss zu beschweren. Den Vogel schoss jüngst der US-Präsident Donald Trump ab, als er die Deutschen als „bad“ – je nach gewählter Übersetzung als „schlecht“ oder „böse“ bezeichnete, weil sie so viele Autos in den USA verkaufen.

Tatsächlich sind die USA unsere wichtigste Abnehmernation. Auch spielen Autos bei den Exporten eine große Rolle. Gemessen an unserem Handelsbilanzüberschuss resultiert fast die Hälfte aus dem Verkauf von Autos. Soweit hat Trump tatsächlich Recht.

Allerdings ist seine Bewertung vollkommen falsch. Einerseits sind die deutschen Autoproduzenten auch stark in den USA aktiv und schaffen dort Arbeitsplätze. So steht beispielsweise das größte BMW-Werk in South Carolina und von dort werden Autos in die ganze Welt exportiert. Andererseits schadet unser Leistungsbilanzüberschuss den USA überhaupt nicht.

Wie hängt das alles miteinander zusammen? Alle ökonomischen Transaktionen zwischen dem In- und Ausland werden in der Zahlungsbilanz erfasst. Die Leistungsbilanz ist ein Teil davon. Diese gliedert sich u.a. in die Handelsbilanz – dies ist üblicherweise der größte Posten – und die Dienstleistungsbilanz. Die Handelsbilanz dokumentiert lediglich die Exporte und Importe von Waren. In der Dienstleistungsbilanz werden u.a. die internationalen Touristenströme bilanziert. Buchungstechnisch führt die Reiselust der Deutschen zu einem Nettoimport von Dienstleistungen. Dennoch hat Deutschland aufgrund der hohen Warenexporte zumeist auch einen Leistungsbilanzüberschuss, während die USA ein Defizit aufweisen.

Nach dem Prinzip der doppelten Buchführung führt jede Transaktion zu einer Gegenbuchung. So geht mit einem Überschuss in der Leistungsbilanz ein Defizit in der Kapitalbilanz einher. Der Leistungsbilanzüberschuss lässt somit auch eine Aussage darüber zu, wie sich die Forderungen gegenüber dem Ausland verändert haben. Im vergangenen Jahr nahmen die Forderungen Deutschlands gegenüber dem Ausland um 231 Mrd. Euro zu.

Die Finanzkrise hat gelehrt, dass manche dieser Forderungen ausfallen. Um es salopp zu formulieren, verschickten die Deutschen erst ihre Produkte ins Ausland und mussten dann auch noch Teile ihre Forderungen abschreiben. Das heißt also, ein Teil der Produktion wurde ans Ausland verschenkt. Dafür die Deutschen zu beschimpfen oder gar bestrafen zu wollen, entbehrt jeglicher Logik. Eigentlich sollten die anderen Länder uns bemitleiden.

Man kann diesen Sachverhalt volkswirtschaftlich betrachtet auch noch anders ausdrücken. Mit den Kapitalexporten „finanziert“ Deutschland letztendlich Investitionen in anderen Ländern, deren Ersparnis zu gering ist - also solche Länder, die dauerhaft über ihre Verhältnisse leben, wie z.B. die USA. Donald Trump sollte somit eigentlich froh darüber sein, dass u.a. die Deutschen mehr produzieren als sie selbst verbrauchen und somit für andere Länder Güter bereitstellen. Dies gilt nicht nur in der abstrakten Sprache der Saldenmechanik. Schaut man sich die Investitionstätigkeit in Deutschland in den letzten Jahren an, so ist festzustellen, dass es parallel zum ansteigenden Leistungsbilanzüberschuss zu einem deutlichen Rückgang der Investitionsquote in Deutschland gekommen ist. Und dies ist tatsächlich ein Problem. Aber nicht für die anderen Ländern - sondern für uns selbst. Denn mit der Vernachlässigung unseres Kapitalstocks verspielen wir unsere Zukunft. Offensichtlich werden die Ertragsaussichten in Deutschland von den Unternehmen als zu gering eingeschätzt, auch wenn am aktuellen Rand zumindest erste Besserungstendenzen festzustellen sind. Dies reicht aber lange noch nicht aus. Deshalb sollte hier die Wirtschaftspolitik ansetzen: Die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland müssen deutlich verbessert werden. Dann reduziert sich automatisch auch der Leistungsbilanzüberschuss. Als positive Begleiterscheinung würden wir auf dem internationalen Parkett auch nicht mehr gerügt – zumindest nicht für den Leistungs­bilanzüberschuss. 