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Chefvolkswirtkommentar | 21.09.2016

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


Der Finanzplatz Frankfurt nach dem Brexit

Die Entscheidung der Briten vom 23. Juni, die EU verlassen zu wollen, erinnert mich an das Lied „What a difference a day made“. Von einem Tag auf den anderen änderte sich alles - in dem Song zum Guten. Mit diesem positiven Unterton sollten wir auch dem bevorstehenden Brexit begegnen; sowohl für die EU als Ganzes als auch für unsere Metropolregion im Besonderen.

Es wird zwar noch eine Weile dauern, bis die Briten den Antrag zum Ausstieg stellen werden, und dann wird voraussichtlich auch die gesamte laut Paragraph 50 des EU-Vertrags für die Verhandlungen zur Verfügung stehende Zeit von zwei Jahren genutzt werden. Vor Ende 2018 ist also nicht mit dem Austritt der Briten zu rechnen. Allerdings ist jetzt schon klar, dass sich manche Dinge signifikant verändern werden. So ist es sehr wahrscheinlich, dass mit dem Brexit der uneingeschränkte Zugang der Briten zum EU-Binnenmarkt verloren gehen wird. London als Standort vieler Zentralen außereuropäischer Unternehmen, die von dort aus den europäischen Markt er-schließen, wäre von umfangreichen Verlagerungen nach Kontinentaleuropa betroffen. Auch ein bedeutender Teil der Finanzgeschäfte würde zu anderen Bankenplätzen abwandern. Speziell für Frankfurt eröffnen sich damit große Chancen. Gemessen an der Bevölkerungs- und Beschäftigungszahl ist die Mainmetropole im Vergleich zu London und Paris zwar relativ klein. Nichtsdestotrotz sehen wir Frankfurt als den führenden Finanzplatz Kontinentaleuropas, also eindeutig vor Paris. Selbst nach dem Brexit wird London aber voraussichtlich die Nummer eins in Europa bleiben, aber der Wettbewerb unter den anderen Städten wird härter.

In seiner Rolle als führender Finanzplatz Kontinentaleuropas sollte sich unsere Metropolregion im Wettbewerb entsprechend selbstbewusst präsentieren. Bescheidenheit ist gerade in der anlaufenden Phase der Standortentscheidung der Banken nach dem Brexit nicht angebracht. Wenn Frankfurt nicht selbst für sich wirbt, wird es niemand tun. Die Konkurrenz rüstet sich bereits mit angekündigten Steuervorteilen und Charmeoffensiven. Frankfurt muss sich aber nicht verstecken. Trotz seiner relativ geringen Größe von fast 730.000 Einwohnern, ist es eine der bedeutendsten Städte Deutschlands. Frankfurt am Main verfügt über den größten internationalen Flughafen des Landes. Darüber hinaus zeichnet sich die Stadt durch eine hohe Lebensqualität, dem Sitz der EZB und vieler Aufsichtsbehörden aus.

Damit Frankfurt nach dem Brexit noch interessanter wird, bedarf es einer Mobilisierung von attraktiven Büroflächen zur Ansiedlung von neuen Finanzunternehmen, einer Ausweitung von Wohnraum – auch im gehobenen Segment in zentralen Lagen - sowie einer Intensivierung des Standortmarketings durch die Bündelung der zahlreichen Initiativen in Frankfurt und in Hessen. Letztendlich ist ein starker Finanzplatz Frankfurt kein lokales Thema. Unter seiner Schwächung würden nicht nur die Region und Hessen leiden, sondern die gesamte deutsche Volkswirtschaft. Deshalb gilt es, dass sich neben den Vertretern von Stadt, Land und ansässigen Finanzinstituten auch die Bundesregierung für die Interessen des deutschen Finanzplatzes stark macht.