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Chefvolkswirtkommentar | 09.11.2016

Vertrau(d)lich

Pointierte Ausblicke direkt aus der Feder von Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirt und Leitung Research.


Trump - und jetzt?

Der Wahlsieg Donald Trumps hat die Welt aus dem Schlaf gerissen. Auch ich war heute Morgen zunächst erschrocken. Nach der ersten emotionalen Reaktion habe ich mich diesem Thema aber analytisch genähert. Wie wahrscheinlich ist es, dass er genau so handeln wird, wie er sich im Wahlkampf gegeben hat? Welche seiner Positionen sind unverrückbare politische Überzeugungen und welche eher dem Wahlkampf geschuldet? Und letztendlich die entscheidende Frage: Inwieweit wird ihn der Kongress in kritischen Punkten einfangen?

Lassen Sie mich die beiden aus unserer Sicht relevanten Szenarien anhand zweier Songs des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan kurz erläutern.

Aus unserer Sicht ist das Szenario „das Amt prägt den Menschen“ deutlich wahrscheinlicher als der umgekehrte Fall. Trump vollzieht daher in einigen Fragen eine 180-Grad-Wende, vergisst Wahlversprechen und wird von den „Realos“ im Kongress an entscheidenden Stellen auf den Boden der Realität geholt. Mit Bob Dylan gesprochen befänden wir uns also im Szenario „It ain‘t me babe“. Einige seiner Ansätze wird er jedoch durchziehen. So ist mit selektiven Handelsbeschränkungen und Maßnahmen gegen Einwanderung zu rechnen. In der Sozialpolitik ist die Rückabwicklung der Gesundheitsreform Barack Obamas wahrscheinlich. Die Haushalts- und Steuerpolitik wird eher expansiver; Bürokratie und Regulierung werden dagegen tendenziell abgebaut. Das Wachstum 2017 wird in den USA mit 2,2 % etwas geringer ausfallen als bislang von uns erwartet (2,5 %). Der Effekt auf Deutschland ist nur leicht negativ. Dies resultiert größtenteils aus dem weniger dynamischen Welthandel.

Die US-Notenbank wird ihren Zinserhöhungszyklus fortführen, jedoch etwas verhaltener als bislang von uns angenommen. Die EZB bleibt weiter sehr expansiv. Die Aktienmärkte werden sich nach einer Phase der Unsicherheit wieder stabilisieren. Die europäischen Indizes dürften Ende 2017 sogar deutlich höher stehen als jetzt.

An den Finanzmärkten wird die Unsicherheit darüber, in welche Richtung sich Trump entwickeln wird, voraussichtlich noch eine Weile anhalten. Auch wenn seine erste Rede heute Morgen bereits viel präsidialer und versöhnlicher klang als seine Wahlkampfrhetorik, so ist es nicht auszuschließen, dass er im Amt genauso unberechenbar sein wird wie als Kandidat. Mit Bob Dylans Worten ausgedrückt: „Like a rolling stone“. Der Kongress würde in diesem Fall mitziehen, weil die Rhetorik Trumps zumindest in der ersten Phase noch von Applaus der Bevölkerung begleitet würde. Riesige Defizite und eine anziehende Inflation aufgrund der umfassenden Handelsbeschränkungen wären die Folge seiner Politik. Ein Handelskrieg mit China würde die Weltwirtschaft 2017/2018 in eine Rezession stürzen.

Wie gesagt, das wahrscheinlichere und auch wünschenswerte ist sicherlich das Wandlungsszenario. Dies wäre nicht nur aus ökonomischer Sicht zu begrüßen, sondern auch mit Blick auf die zahlreichen anstehenden Wahlen in Europa. Denn je mehr sich in einzelnen Ländern nationalistische und protektionistische Tendenzen durchsetzen, desto höher würden die Risiken für die Stabilität in der Eurozone und der Europäischen Union.